1. Dezember 2025

Spagvemberfest 2025

»Fists, Beans and Bullets Galore!«

 
 
  1. Massacro al Grande Canyon (1964) von Sergio Corbucci
  2. Perché uccidi ancora (1965) von José Antonio de la Loma
  3. Black Killer (1971) von Carlo Croccolo
  4. Il ritorno di Zanna Bianca (1974) von Lucio Fulci
  5. Matalo! (1970) von Cesare Canevari
  6. Navajo Joe (1966) von Sergio Corbucci
  7. Little Rita nel West (1967) von Ferdinando Baldi
  8. Vivi o preferibilmente morti (1969) von Duccio Tessari
  9. L’ultimo killer (1967) von Giuseppe Vari
  10. Un uomo, un cavallo, una pistola (1967) von Luigi Vanzi
  11. Lo straniero di silenzio (1968) von Luigi Vanzi
  12. Duello nel Texas (1963) von Ricardo Blasco
  13. La banda J. & S. – Cronaca criminale del Far West (1972) von Sergio Corbucci
  14. Il ritorno di Ringo (1965) von Duccio Tessari
  15. Tre pistole contro Cesare (1967) von Enzo Peri
  16. Vado ... l’ammazzo e torno (1967) von Enzo G. Castellari
  17. L’odio è il mio Dio (1969) von Claudio Gora
  18. Sella d’argento (1978) von Lucio Fulci
  19. Adios Gringo (1965) von Giorgio Stegani
  20. Django 2 – Il grande ritorno (1987) von Nello Rossati
  21. Requiescant (1967) von Carlo Lizzani
  22. Faccia a faccia (1967) von Sergio Sollima

Spagvemberfest 2024

16. November 2025

Black Killer (1971)

Inhaltshinweis: Sexuelle Gewalt.

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Regie: Carlo Croccolo · Drehbuch: Luigi Angelo, Carlo Veo · Musik: Daniele Patucchi · Kamera: Franco Villa · Schnitt: Luigi Castaldi · Produktion: Virginia Cinematografica.

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Carlo Croccolo war seines Zeichens Schauspieler. Wer im Jahr 1971 auf die Idee gekommen ist, ihn bei zwei Filmen Regie führen zu lassen, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Fall von Black Killer lässt sich das Resultat seiner Regietätigkeit in etwa mit einem Jess-Franco-Flick vergleichen. Tatsächlich macht Croccolo es genau wie Franco, setzt seine Frau in Nacktszenen ein und castet sich selbst als zauselige Nebenfigur.¹ Kenner*innen werden aber einige entscheidende Unterschiede auffallen: Bei Croccolo fehlen der Jazz-Soundtrack und die häufigen Kamera-Zooms; auch sind seine Nacktszenen erheblich kürzer. Dafür wird viel mehr geredet. Ob das ein guter Tausch ist?

Tombstone wird von den fünf Brüdern O’Hara terrorisiert, als da sind: Ramón »Chico« O’Hara (Antonio Cantafora), Pedro O’Hara (Enzo Pulcrano), Miguel O’Hara (Calogero Caruana), Ryan O’Hara (Roberto Danesi) und Slide O’Hara (Mimmo Maggio). Die einzelnen Mitglieder dieser irisch-mexikanischen Brüderschar sind nicht leicht auseinander zu halten, denn sie tragen allesamt schlechtsitzende Perücken und eine obszöne Menge Bräunungscreme im Gesicht. Drei von ihnen stechen aber doch hervor: Da ist zunächst Ramón alias Chico, der sich den Saloon der Stadt unter den Nagel gerissen hat und in seiner Freizeit die frühere Wirtin Consuelo (Tiziana Dini) belästigt. Auch zwei seiner Brüder sind relativ leicht zu erkennen, denn sie tragen statt Sombreros Stirnbänder und sind in bonbonbunte Charro-Anzüge (einer grün, einer rot) gekleidet.

Während die O’Haras ihre Herrschaft über Stadt und Umland immer weiter ausdehnen, trifft ein geheimnisvoller Fremder in Tombstone ein: James Webb (Klaus Kinski) ist Jurist und schleppt einen Haufen Gesetzbücher mit sich herum, doch er behauptet, dass er in Tombstone nur Urlaub machen und sich keineswegs als praktizierender Anwalt niederlassen will. Nicht lange darauf reitet mit Burt Collins (Fred Robsahm) ein zweiter geheimnisvoller Fremder in die Stadt ein. Weil Burt mit ein paar goons der O’Haras kurzen Prozess macht, überredet Webb ihn, der neue Sheriff von Tombstone zu werden. Burt verspricht, mit den O’Haras aufzuräumen, und wird von Richter Wilson (Dante Maggio) eingeschworen.²

An dieser Stelle muss den Drehbuchautoren aufgefallen sein, dass erst eine halbe Stunde Film vergangen ist, es also zu früh wäre, es jetzt schon zum Showdown kommen zu lassen. Burt reitet deshalb zu seinem Bruder Peter (Gerardo Rossi), der mit seiner indigenen Frau Sarah (Marina Rabissi) in einer Hütte außerhalb der Stadt lebt. Der nun folgende Dialog hört sich an, als sei er morgens vor Drehbeginn von einem unzureichend ausgenüchterten Filmstudenten geschrieben worden. Burt: »Seit dem Tod unserer Mutter ist mir keine Frau mehr über den Weg gelaufen, die mich verstanden hat.«

Leider sind die O’Haras nicht bereit, auf diesen candid moment unter Brüdern Rücksicht zu nehmen. Sie umzingeln die Hütte, erschießen Peter, prügeln Burt bis zur Besinnungslosigkeit und vergewaltigen Sarah. Am Ende stecken sie die Hütte mit Burt und Sarah darin in Brand.

Natürlich können die beiden sich aus den Flammen retten, und Burt will es nun ernsthaft mit den O’Haras aufnehmen. Auch Sarah will Vergeltung und beginnt, mit Pfeil und Bogen Jagd auf die bandidos zu machen. Kommt es also jetzt zum Showdown? Nein, denn es ist immer noch zu wenig Filmzeit vergangen. Gelegenheiten zur Konfrontation gibt es zwar genug, aber Burt versemmelt es ein ums andere Mal – obwohl die O’Haras als Gegner ihrerseits auch nicht sonderlich kompetent wirken.

Zum Glück gibt es da ja noch den anderen, den ersten geheimnisvollen Fremden in Tombstone, den Anwalt James Webb. Ich vermute, für ihn sah das Drehbuch zunächst eine recht begrenzte Rolle vor: Er sollte erstens Burt überreden, sich den Blechstern anstecken zu lassen; Burt zweitens hin und wieder zur Seite stehen (verborgen in seinen Gesetzbüchern führt er ein ganzes Arsenal von Pistolen mit sich); drittens dem zwielichtigen Richter Wilson das Handwerk legen. Aber da ist ja immer noch das leidige Problem, dass man den Film auf anderthalb Stunden Länge bringen muss. Deshalb gibt es zahlreiche Aufnahmen von Kinski als Webb, die reines Füllmaterial darstellen: Webb sitzt in seinem Hotelzimmer und fingert an seinen Pistolen herum. Webb führt redundante Gespräche mit Richter Wilson. Webb guckt aus dem Fenster, schaut hinter Vorhänge und späht durch geöffnete Türen. Und immer so weiter.

Obwohl Webb den ganzen Film über eher wenig zu tun hat, avanciert er am Ende sogar zur Titelfigur. Ich vermute jedenfalls, dass der Name Black Killer sich auf Webb bezieht, der einen schwarzen Advokatenanzug trägt. Dass Burt als Protagonist nicht sonderlich viel hermacht, ist ja auch nicht zu übersehen. Somit hat dieser Film einen Protagonisten, der nichts taugt, und einen Pseudo-Protagonisten, der nichts tut. Wie es dazu kam? Wie gesagt – es entzieht sich meiner Kenntnis.

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¹ Croccolo spielt einen Deputy. Schon in Freddy und das Lied der Prärie (1964) war er als ständig alkoholisierter Sheriff zu sehen.

² Man mag sich fragen, was das alles soll, aber dieses Rätsel ist schnell gelöst: Der Streifen spielt in Tombstone. James Webb entspricht Doc Holliday, der hier vom Zahnarzt zum Rechtsverdreher mutiert ist. Burt Collins entspricht Wyatt Earp und die O’Haras den Clantons. Black Killer ist ein Film (beileibe nicht der einzige), der von den Ereignissen rund um die Schießerei am O.K. Corral handelt und lediglich die Namen der Beteiligten ändert.

3. November 2025

Perché uccidi ancora (1965)

Deutscher Titel: Jetzt sprechen die Pistolen · Regie: José Antonio de la Loma · Drehbuch: Edoardo Mulargia, Vincenzo Musolino · Musik: Felice Di Stefano · Kamera: Vitaliano Natalucci · Schnitt: Enzo Alabiso · Produktion: Atomo Films, Producciones Cinematográficas Balcázar.

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López (José Calvo) sitzt im Rollstuhl, seit sein Erzfeind Donald McDougall (Armando Guarnieri) ihm eine Schussverletzung beibrachte. Nun hat López ihn in seine Gewalt gebracht. McDougall wird an einen Baum gebunden, dann geben López, sein Sohn Manuel (Hugo Blanco) und fünfzehn muchachos nacheinander einen Schuss auf ihn ab. Am Ende hängt McDougall von siebzehn Kugeln durchsiebt in seinen Fesseln.

McDougalls Sohn Steve (Anthony Steffen) ist bei der Kavallerie. Als er von den Ereignissen erfährt, desertiert er und kehrt in seine Heimatstadt zurück. Am Grab seines Vaters lauern ihm drei López-Männer auf, doch Steve schießt sie nieder. Im Haus der McDougalls leben noch seine Schwester Judy (Ida Galli) und Onkel Andy (ebenfalls Armando Guarnieri). Manuel López greift mit weiteren Männern das Haus an. Steve gelingt es, sie mit Andys Hilfe zurückzuschlagen. Später legt Steve Manuel auf offener Straße um und wirft dem älteren López den Leichnam seines Sohnes vor die Haustür. Er fordert López auf, innerhalb von zwei Tagen die Stadt zu verlassen.

López denkt gar nicht daran, sondern engagiert einen berüchtigten Killer, Gringo (Aldo Berti), der es mit Steve aufnehmen soll. Der trifft zunächst auf Gringos prahlerischen Bruder (Pasquale Simeoli), provoziert ihn zu einem Duell und erschießt ihn. López, der Boss eines Waffenschmuggelrings ist, schickt unterdessen einen Transport Gewehre in Richtung mexikanische Grenze los. Hier begeht Steve einen Fehler. Statt nach Hause zu gehen, hält er sich außerhalb der Stadt versteckt und überfällt den Waffentransport. Unterdessen dringt Gringo in das Haus der McDougalls ein, tötet Onkel Andy und nimmt Judy als Geisel.

Judy wird ins López-Anwesen verschleppt und von Gringo misshandelt. Steve muss wohl oder übel in die Stadt zurückkehren. Allerdings ist während seiner Abwesenheit ein Trupp Kavallerie unter Leutnant Driscoll (Willi Colombini) eingetroffen, der nach dem Deserteur sucht. Auch López ist längst nicht mehr Herr der Lage. In seinem Haus hat Gringo das Kommando übernommen, der seinerseits Rache für den Tod seines Bruders will ...

Perché uccidi ancora ist die erste Zusammenarbeit von Edoardo Mulargia und Vincenzo Musolino (bis 1967 sollten drei weitere folgen). Bei diesem Film verfassten Mulargia und Musolino gemeinsam das Drehbuch. Letzterer fungierte zusätzlich als Produzent. Außerdem heißt es, dass José Antonio de la Loma nur dem Namen nach Regisseur war, während tatsächlich Mulargia sich um die Regie kümmerte.

Sonderlich raffiniert waren Mulargias und Musolinos Filme weder in diesem Fall noch später, eher roh und einfach gehalten, aber bei Perché uccidi ancora fällt eines besonders auf – wie sehr darin alles auf das absolut Wesentliche reduziert ist. Ausnahmslos alles dreht sich um die Feindschaft der Häuser López und McDougall, nach deren Gründen (außer rhetorisch im Titel) nicht gefragt wird. Es gibt keine erklärenden Flashbacks. Auch aus den Dialogen erfährt man nichts darüber, wie es eigentlich zu der Fehde kam. López, das ist klar, ist Waffenschmuggler. Aber McDougall? War er auch kriminell, oder ist er López auf anderen Wegen in die Quere gekommen? War er ursprünglich Angreifer oder Verteidiger? Man weiß es nicht, und es spielt letztlich auch keine Rolle.

Statt dessen konzentriert die Handlung sich ganz auf die gegenwärtige Spirale der Gewalt. Auf jede Aggression der einen Seite folgt sofort eine noch härtere Reaktion der anderen Seite, eine pausenlos sich steigernde Eskalation. Selbst die Kavallerie kann nichts dagegen tun. Am Ende, als alles vorbei ist, bleibt ihr nur die Aufgabe, Steve einzusammeln und zurück zu seinem Stützpunkt zu bringen. Dort erwartet ihn vermutlich ein Kriegsgericht. Oft heißt es, im italienischen Western ginge es allen nur um ihren eigenen Vorteil. In diesem Film ist es genau umgekehrt: Niemand zieht irgendeinen Gewinn aus dem blutigen Schlamassel.

Es gibt nur zwei Subplots. Da ist einmal Pilar (Gemma Cuervo), die Tochter von López. Sie liebt Steve und will ihn bewegen, auf Vergeltung zu verzichten. Er weist sie mit barschen Worten zurück. Steve ist eine Art Michael-Corleone-Figur. Schließlich ist er beim Militär und könnte diese Position nutzen, um seine Familiengeschichte hinter sich zu lassen. Aber der Tod seines Vaters lässt ihn sofort nach Hause eilen, wo er sich in einen Blutrausch hineinsteigert, der selbst die sadistische Hinrichtung, die den Film eröffnet, noch in den Schatten stellt. Und Pilar muss sich (ähnlich wie Kay Corleone) fragen, ob nicht Steve am meisten von allen Beteiligten zu fürchten ist.

Der andere Subplot betrifft Rojo (Pedro Sanchez), einen von López’ henchmen. Bei dem Mord an McDougall macht er nur zögerlich mit – aber er macht mit. Dennoch wird er von López als Feigling beschimpft. Später wird seine Haltung entschiedener. Er und Pilar sind die einzigen Figuren, die aktiv versuchen, den Kreislauf der Vergeltung zu unterbrechen. Rojo ist nur eine wenig entwickelte Nebenfigur, aber doch eine interessante frühe Rolle für Pedro Sanchez, der hier ausnahmsweise mal nicht den Clown geben muss.

Perché uccidi ancora hat einige unübersehbare Mängel. Es gibt mit dem Totengräber Sam (Franco Pesce) und seinem phlegmatischen Gehilfen (Franco Latini) zwei genretypische ›lustige‹ stock characters. Die hängen natürlich in praktisch jedem Italowesternstädtchen im Hintergrund herum und sind mal mehr, mal weniger unterhaltsam. Aber weil dieser Film sich sonst in jeder Hinsicht auf seine zentrale Handlung konzentriert (auf Rache folgt Gegenrache und wieder Rache), stören sie hier doch sehr. Irritierend ist auch Judy McDougall, die fast den gesamten Film über wie die personifizierte schluchzende Hilflosigkeit agiert. Zuletzt ist Anthony Steffen zu erwähnen, der seine Sache hier zwar ganz gut macht, aber eben im Rahmen seiner Fähigkeiten. Ich glaube, der Film hätte von einem Hauptdarsteller, der der Kamera mehr bietet als den einen Gesichtsausdruck, den man von Steffen kennt, enorm profitieren können.

Doch auch so ist Perché uccidi ancora, indem er Rache eher als Sucht denn als heroisches oder zynisch-cooles Unterfangen darstellt, ein interessanter, teils faszinierender Genre-Beitrag.

13. Oktober 2025

Wolf Town (2011)

Regie: Roel Reiné · Drehbuch: Paul Hart-Wilden, Asabi Lee · Musik: Steve Davis · Kamera: Roel Reiné · Schnitt: Herman P. Koerts, Todd C. Ramsay · Produktion: Rebel Entertainment.

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Vier kalifornische College-Studis der Gegenwart machen einen Ausflug in die Geisterstadt Paradise. Die wurde im Zuge des Goldrausches von 1849 gegründet. Aber nur ein Jahr später verschwanden ihre Bewohner*innen auf mysteriöse Weise. Kyle (Levi Fiehler), der die Idee zu dem Ausflug hat, will vorgeblich das Geheimnis dieses Verschwindens aufklären. Eigentlich geht es ihm aber um eine Gelegenheit, sich an seine Kommilitonin Jess (Alicia Ziegler) ranzumachen. Sozusagen zur Tarnung überredet er seinen Kumpel Ben (Max Adler), sich der Exkursion anzuschließen. Ben hält dem verklemmten Kyle vor, dass er Jess nicht einfach um ein Date gebeten hat, lässt sich dann aber doch breitschlagen. Zu Kyles Unmut erscheint Jess allerdings nicht allein zur Abfahrt in die Geisterstadt, sondern schleppt ihren Freund Rob (Josh Kelly) an, mit dem sie seit einem halben Jahr liiert ist.

Robs Anwesenheit führt dazu, dass Kyle während der gesamten Fahrt nach Paradise pampig drauf ist und dem ohnehin nur widerwillig mitfahrenden Ben gehörig auf die Nerven geht. Der versucht darauf, Small Talk mit dem konsternierten Rob zu betreiben, was wiederum Kyles schlechte Laune verstärkt. Jess dagegen versucht, mit aufgesetzter Fröhlichkeit die Stimmung aufzulockern. Beim Betrachter erzeugt das schon nach zehn Minuten den Wunsch, die nervtötenden Vier allesamt einen schnellen und blutigen Tod sterben zu sehen. Leider dauert es aber noch ganze 74 Minuten bis zum Ende des Films, und es gibt eine enttäuschende Überlebensrate von 50 %.

Angekommen in der Geisterstadt, sehen Kyle, Jess und Rob sich den verlassenen Saloon an, während der erboste Ben allein einen Spaziergang unternimmt. Im Saloon finden Kyle und Jess ein altes Tagebuch, das Aufklärung über das Schicksal der Stadtbevölkerung verspricht. Da taumelt Ben, mit blutigen Wunden bedeckt, durch die Schwingtüren in den Schankraum. Er wurde von wilden Wölfen angefallen. Ein Versuch, die Geisterstadt zu verlassen und Ben in ein Krankenhaus zu bringen, scheitert – die Zündkabel von Kyles Cabrio wurden durchtrennt. Handyempfang gibt es in der abgelegenen Gegend natürlich auch nicht. Also wird der schwerverletzte Ben wieder in den Saloon geschleppt, um den herum sich bald die Wölfe einfinden.

Aus dem Tagebuch erfährt Kyle, dass die Leute von Paradise vor 160 Jahren in den Bäuchen des Wolfsrudels endeten. Ein Versuch Robs, zu Fuß aus der Stadt zu entkommen und Hilfe zu holen, scheitert. Er kehrt unverrichteter Dinge zurück. Ben erliegt seinen Verletzungen. Während Kyle am liebsten in Selbstmitleid versinken würde, findet Rob the Jock eine Kiste Dynamit und will damit den Kampf gegen die unnatürlich schlauen Vierbeiner aufnehmen.

Das alles ist natürlich sehr vorhersehbar, und das weiß auch Roel Reiné, der nicht nur als Regisseur fungiert, sondern auch die wackelige Handkamera bedient. Als erfahrener Macher von billigen Direct-to-DVD-Filmchen weiß er, was zu tun ist: Immer dann, wenn Spannung und Dynamik aufkommen soll, wackelt er einfach noch ein bisschen mehr mit der Kamera herum. Den Rest erledigt das Sound Department, indem es Wolfsgeheul und -geknurre einspielt.

Überhaupt, die Wölfe. Die sehen einfach zu knuffig aus, um bedrohlich zu wirken. Zudem sind nie mehr als vier Tiere zugleich im Bild zu sehen – viel zu wenig, um eine ganze frontier town¹ zu belagern. Und wenn Reiné das Kamerawackeln zwischendurch mal unterlässt, sieht man auch, dass sie Halsbänder tragen. Dann lieber wieder etwas mehr gewackelt, damit die Details nicht so zu erkennen sind. Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die Tierchen gar keine echten Wölfe, sondern Hunde sind. Zu oft tragen sie ihren Schwanz eingerollt, während Wölfe ihn normalerweise nach unten hängen lassen.

Ein Film wie dieser legt es mit all seinen Unzulänglichkeiten nahe, als schlichte Trash-Fantasie angesehen zu werden, aber dafür ist Wolf Town wiederum nicht naiv genug. Sein Vulgärfreudianismus kommt sehr explizit daher. Es liegt allzu nahe, dass der quengelige, unentschlossene, von Kastrationsangst (sein Auto zündet nicht!) geplagte Kyle sich insgeheim wünscht, sowohl Ben mit seiner »I told you so«-Attitüde als auch den Nebenbuhler Rob von Wölfen gefressen zu sehen.

Für alle, denen das noch nicht deutlich genug ist, hält Wolf Town am Ende folgende Szene bereit: Kyle zieht dem von den Wölfen erlegten Rob eine Stange Dynamit aus der Jeanstasche. Die Stange fest umklammert haltend, verlässt Kyle mit Jess im Schlepptau die Geisterstadt – und die Wölfe lassen die beiden von da an völlig in Ruhe. Ich denke, man muss kein Psychologiestudium an einem kalifornischen College absolviert haben, um das ein bisschen zu on the nose zu finden.

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¹ Dafür, dass sie seit 160 Jahren verlassen stehen, sind die Häuser von Paradise übrigens in einem erstaunlich guten Zustand. Und die Tatsache, dass mitten in der Stadt das Wrack eines Traktors vor sich hin rostet, erscheint mir fast noch mysteriöser als die Wölfe. Ach ja: Wo kommt übrigens das Dynamit her, das zur Zeit des kalifornischen Goldrauschs noch gar nicht erfunden war?

6. Oktober 2025

The Warrior’s Way (2010)

Inhaltshinweis: Sexuelle Gewalt.

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Regie: Sngmoo Lee · Drehbuch: Sngmoo Lee · Musik: Javier Navarrete · Kamera: Kim Woo-hyung · Schnitt: Jonathan Woodford-Robinson · Produktion: Fuse Media, Relativity Media, Sad Flutes.

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Irgendwo in Ostasien: Yang (Jang Dong-gun) ist der gefürchtetste Schwertkämpfer des Sad Flute Clan. Wie jedes Mitglied seines Clans hat er geschworen, ausnahmslos alle Angehörigen des gegnerischen Clans zu töten, mit dem die Sad Flutes seit Jahrhunderten verfeindet sind. Doch als er losgeschickt wird, dem letzten Mitglied des feindlichen Clans den Garaus zu machen, findet er ein wehrloses Baby (Analin Rudd) vor. Von da an hat Yang genug von seinem Mordhandwerk und flieht mit dem Baby, das er April nennt, in den Westen Nordamerikas. Er ist nun vogelfrei und wird seinerseits vom Sad Flute Clan gejagt.

In der Wüstenstadt Lode hofft Yang, seinen alten Freund Smiley zu treffen, der dort eine Wäscherei betreibt. Doch es stellt sich heraus, dass Smiley seit drei Jahren tot ist. Auch die Stadt hat ihre besten Tage längst hinter sich. Einst war sie eine blühende Prospektorensiedlung, doch seit sie von Banditen überfallen wurde, sind die meisten Einwohner*innen weitergezogen. Unter den Gebliebenen sind ein gestrandeter Wanderzirkus, der Trunkenbold Ronald (Geoffrey Rush) und eine junge Frau namens Lynne (Kate Bosworth). Letztere stellt sich Yang als Freundin des verstorbenen Smiley vor und überredet den Neuankömmling, mit ihrer Hilfe die Wäscherei wieder zu eröffnen.

Von Zirkusdirektor Eight-Ball (Tony Cox) erfährt Yang, dass die Banditen bei ihrem Überfall auf die Stadt Lynnes Eltern und Bruder ermordet haben. Als anschließend der Colonel genannte Bandenchef (Danny Huston) Lynne zu vergewaltigen versuchte, schüttete sie ihm kochendes Öl ins Gesicht. Seitdem verbirgt der Colonel sein entstelltes Gesicht hinter einer ledernen Maske. Lynne wiederum wartet auf die unvermeidliche Wiederkehr der Banditen und hofft, endgültig Rache für ihre Familie nehmen zu können.

Yang erkennt, dass Lynne von ihm (wie zuvor von Smiley) Unterstützung für ihre Rachepläne erwartet. Doch er hat sein Schwert in der Scheide festgeschweißt, um es nie wieder ziehen zu können. Immerhin erklärt er sich bereit, Lynne den Kampf mit Messern beizubringen. Und je näher die Rückkehr der Banditen rückt, desto klarer wird ihm, dass er Lynne, die Zirkusleute und die restliche Stadtbevölkerung gegen die Banditen beistehen muss. Also beginnt er mit Eight-Balls Hilfe, die Artist*innen auf den bevorstehenden Angriff vorzubereiten. Unerwartete Unterstützung wird ihm dabei von Ronald, dem Säufer, zuteil.

Die Bande des Colonels ist allerdings nicht Yangs einziges Problem. Die Vergangenheit droht ihn einzuholen: Während seiner und Aprils Reise über den Pazifik hat er Spuren hinterlassen. Der Sad Flute Clan mit Yangs altem Meister Saddest Flute (Ti Lung) hat sich an seine Fersen geheftet und ist ebenfalls auf dem Weg nach Lode.

The Warrior’s Way ist ein Genre-Mix, der Purist*innen aller Façon missfallen dürfte. Die koreanisch-neuseeländische Koproduktion vereint nicht nur Elemente des Westerns und des Wuxia-Films,¹ sondern schreckt auch sonst vor kaum einem Anachronismus zurück. So sind z.B. die Banditen des Colonels in Steampunk-Kostüme gekleidet. Mir gefällt das Potpourri allerdings, und wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass Anachronismen schon immer Bestandteil des Western-Genres waren. Das trifft insbesondere auf Spaghetti-Western zu, auf die dieser Film immer wieder Bezug nimmt,² vor allem musikalisch: Javier Navarretes Score hört sich so an, wie es sich anhören soll, wenn ein Navarrete der Dollartrilogie-Musik Ennio Morricones Tribut erweist. Manchmal ist es doch ganz nett, wenn Erwartungen einfach erfüllt werden ...

Weniger gut gefällt mir, dass The Warrior’s Way sich viel zu sehr auf CGI verlässt. Es gibt in diesem Film CGI-Schiffe, CGI-Gebäude, CGI-Reiter, fontänenweise CGI-Blut und immer noch mehr CGI. Natürlich haben computergenerierte Effekte ihre Berechtigung, aber insbesondere bei Schwertkämpfen ist es unabdingbar, auf solide Handwerksarbeit zu setzen. Außerdem finde ich, dass Westernstadt-Kulissen möglichst aus echten Brettern zusammengenagelt werden sollten. Der übermäßige CGI-Einsatz ist der Grund, warum ich mir diesen Film wohl kein zweites Mal ansehen werde, obwohl er sonst ganz amüsant ist.

Die Schauspielerei, insbesondere die von Kate Bosworth, ist ungefähr so over the top, wie man es bei einem Flick dieser Art erwartet. Und die Miene, die Jang Dong-gun zieht, erinnert lustigerweise an den gequälten Gesichtsausdruck, den Tony Anthony in seinen Filmen so gern aufsetzte. Danny Huston ist vielleicht keine ganz überzeugende Wahl für die Rolle des überlebensgroßen, sadistischen Gangsters. Aber das macht im Grunde nichts, denn die meiste Zeit trägt er ohnehin seine Phantom-der-Oper-Maske. Hongkong-Veteran Ti Lung sieht man natürlich immer gern. Geoffrey Rushs Auftritt als Thekenschwamm kam mir zunächst wie der Versuch vor, einen westlichen name actor allein deshalb zu engagieren, um ihn notfalls aufs DVD-Cover setzen zu können. Er spielt seine Rolle aber recht unterhaltsam und hat auch während des Finales, also leider etwas spät, eine Funktion für die Handlung.

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¹ Ich hoffe, es ist kein allzu großer Fauxpas, in Bezug auf einen koreanischen Film von Wuxia zu sprechen.

² Ohnehin waren es italienische Western, die zuerst mit »East meets West«-Szenarien aufwarteten.