20. April 2026

Strangers at Sunrise (1969)

Regie: Percival Rubens · Drehbuch: Lee Marcus, Percival Rubens · Musik: Colin Campbell · Kamera: Lionel Friedberg · Schnitt: Basil Millward · Produktion: Panorama Films.

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In Filmen wie Untamed (1955) und The Jackals (1967) drohte der Schauplatz Südafrika zu einem simulierten Amerika werden. Anstelle von Comanche und Kiowa gab es Zulu und Tsonga zu sehen, aber sonst blieb alles so, wie man es aus Hollywood kennt. Mit Strangers at Sunrise erschien 1969 schließlich ein in Südafrika gedrehter und produzierter Western mit einem südafrikanischen Regisseur. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund des Zweiten Burenkriegs (1899–1902), ist also deutlich in der südafrikanischen Geschichte situiert. Wie in Diamond City (1949) ist das Thema der Konflikt zwischen dem British Empire und den Bur*innen. Die Sympathie gehört hier jedoch ohne Einschränkung der burischen Kriegspartei – eine ideologische Positionierung, die der des älteren Films genau entgegengesetzt ist.

Während Diamond City den burischen Händler Hans Muller als Unruhestifter darstellt (wer Schnaps an Natives verkauft, ist im Western immer böse), zeichnet Strangers at Sunrise das Bild eines friedliebenden Landvolks, das von der imperialistischen britischen Kriegsmaschine überrollt wird. Dabei liegt der Film mit der Behauptung nicht falsch, dass die Gold- und Diamantenfunde in Südafrika auf britischer Seite Begehrlichkeiten weckten, die schließlich zur gewaltsamen Annektion der Burenrepubliken durch das Empire führten.¹ Richtig ist auch, dass die britische Kriegsführung mit ihrer Taktik der verbrannten Erde und ihren Konzentrationslagern für die burische Zivilbevölkerung äußerst brutal war.

Jedoch mangelte es auch der anderen Seite nicht an Brutalität. Burische Kommandos begingen zahlreiche Massaker an Schwarzen und Coloureds, die als Hilfskräfte für die britischen Truppen arbeiteten (denen dies vielleicht aber auch nur unterstellt wurde). Überhaupt gehörte es zum Selbstverständnis der Burenrepubliken, dass allein der afrikaanssprachigen weißen Bevölkerung staatsbürgerlicher Status zukam. Andere Weiße galten als uitlanders, die lediglich geduldet wurden. Die schwarze und coloured Bevölkerung war in den Burenrepubliken völlig entrechtet und lebte quasi in Sklaverei. Letzteres wird von Strangers at Sunrise als selbstverständlich betrachtet. Als einzige schwarze Person kommt eine Oubooi (»alter Junge«) genannte Nebenfigur vor, ein von Simon Sabela gespielter Farmarbeiter. Kurzum: Man merkt, dass der Streifen aus der tiefsten Apartheid stammt.²

Auch der Protagonist von Strangers at Sunrise ist ein uitlander, allerdings einer, der mit der burischen Sache sympathisiert: Grant Merrick (George Montgomery) ist ein amerikanischer Ingenieur, der in den Goldminen Südafrikas arbeitet. Weil er einem burischen Saboteur, Davie Beyers, aus Freundschaft Zuflucht gewährt hat, werden beide von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Aber während Davie tatsächlich hingerichtet wird, kann Merrick fliehen.

Auf der Farm der Familie Beyers findet er Zuflucht.³ Dort lebt Patriarch Paul Beyers (Tromp Terre’Blanche) mit seiner Mutter (Helen Braithwaite), seiner Frau Beth (Beryl Gresak) und Sohn Paulie (Avron Pearson), dem jüngeren Bruder des exekutierten Davie. Bald findet sich auch Davies Frau Julie Beyers (Deana Martin) ein. Merrick macht sich auf der Farm nützlich, indem er sich als Hufschmied und horse wrangler betätigt. Prompt verguckt sich die frisch verwitwete Julie in ihn. Man sollte meinen, dass letzteres in einem burischen, also streng calvinistischen Haushalt für Konflikte sorgen würde, aber nein: Der Konflikt bricht von außen herein, und zwar in Gestalt dreier britischer Soldaten (Brian O’Shaughnessy, George Peters und Roland Robinson). Die sind desertiert, nachdem ihrer Einheit eine blutige Niederlage zugefügt wurde, und zwingen nun die Familie Beyers dazu, sie vor britischen Patrouillen zu verstecken.

Die Briten stellen sich als degenerierte Säufer und Mörder heraus, und je mehr sie die Branntweinvorräte der Farm dezimieren, desto mehr spitzt sich die Lage zu. Aber sie haben nicht mit Grant Merrick gerechnet, der im Laufe des Films vom »man on the run« zum Cowboy mit Beefcake-Faktor (auf der Farm läuft er gern mit entblößtem Oberkörper herum) mutiert, und als solcher natürlich den drei Deserteuren im Showdown gegenübertritt. Damit konterkariert der Film allerdings seine eigene Ideologie: Er stellt die burischen Charaktere als so hilflos dar, dass sie es ohne amerikanische Unterstützung nicht mal mit drei schnapsbenebelten Tommies aufnehmen können.

Merricks Rolle als amerikanischer Verbündeter erklärt sich weniger aus dem historischen Misstrauen der Burenrepubliken gegen uitlanders als aus der Situation Südafrikas im Kalten Krieg. In den fünfziger Jahren sah Washington das Apartheid-Regime als Verbündeten im Kampf gegen den Kommunismus. Zur Entstehungszeit des Films waren die vormals engen Beziehungen allerdings etwas abgekühlt, da die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung auch im State Department nicht mehr vollständig ignoriert werden konnten. 1963 schlossen die USA sich dem von den UN verhängten Waffenembargo gegen Südafrika an. So drückt sich in der Wahl eines amerikanischen Helden für Strangers at Sunrise wohl auch der Wunsch des weißen Südafrikas aus, der nicht mehr ganz so zuverlässige transatlantische Verbündete möge wieder der Alte werden.

Ausgesprochen skurril ist die Rolle Deana Martins. Ich muss zugeben, dass ich nicht verstanden habe, ob sie eine Südafrikanerin oder ebenfalls eine eingewanderte Amerikanerin darstellen soll. Eine Szene des Films deutet auf letzteres hin: Julie singt »O! Susanna« und begleitet sich dabei auf dem Harmonium – man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Eine Nacktszene mit Martin wurde von der (im Apartheid-Staat sehr einflussreichen) reformierten Kirche beanstandet und musste geschnitten werden. So blieb es George Montgomerys Privileg, auf der Beyers-Farm oben ohne herumzulaufen.

Letztlich ist Strangers at Sunrise nicht nur ideologisch fragwürdig, sondern auch als Genrefilm, dessen Western-Elemente zu seiner burisch-nationalistischen Botschaft nicht wirklich passen wollen. Meines Wissens handelt es sich um den bislang letzten Versuch eines südafrikanischen Western aus weißer Perspektive. Man ist versucht zu sagen: Hoffentlich bleibt er das auch.

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¹ Nicht zu vergessen Cecil Rhodes’ Fieberträume von einem britischen Afrikareich, das vom Kap bis nach Kairo reichen sollte. Da waren die Burenrepubliken schlicht im Weg.

² 1969 war John Vorster Premierminister von Südafrika. Seine politische Laufbahn hatte im paramilitärischen Flügel der mit Nazi-Deutschland sympathisierenden Organisation Ossewabrandwag begonnen. Für Vorster war der burische Nationalismus nichts anderes als die südafrikanische Variante des Nationalsozialismus. In seine Amtszeit fiel die brutale Niederschlagung des Aufstands in Soweto (1976), bei der weiße Polizisten hunderte von schwarzen Schulkindern erschossen. Das Leben unter dem Apartheid-Regime war, wie er sagte, ein Leben im »glücklichsten Polizeistaat der Welt«.

³ Allerdings: Wenn Merrick wegen der Unterstützung von Davie Beyers verurteilt wurde, würde man dann nicht auf der Farm, die dessen Eltern gehört, zuerst nach ihm suchen? Nun ja. Der Film will halt unbedingt eine Western-Geschichte des Typs »Fremder verteidigt eine Farm, auf der er eigentlich nur zu Gast ist« erzählen.

7. April 2026

Graf Bobby, der Schrecken des Wilden Westens (1966)

Regie: Paul Martin · Drehbuch: Kurt Nachmann, Robert Oxford · Musik: Heinz Gietz · Kamera: Sepp Ketterer · Schnitt: Arnd Heyne · Produktion: Sascha-Film.

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Graf Robert »Bobby« Pinelski (Peter Alexander) führt eine Besichtigungsgruppe durch sein Wiener Schloss, muss aber feststellen, dass sämtliche Teilnehmer der Tour Gläubiger sind, die des Grafen überfällige Schulden eintreiben wollen. Da kommt Post aus Amerika nicht ungelegen: Bobbys Auswanderer-Onkel Johann, genannt der blaue Jo, hat sich in die ewigen Jagdgründe gesoffen und vermacht seinem Neffen eine Goldmine in Devils Town, Arizona.

Begleitet von seinem Busenfreund Baron Mucki von Kalk (Gunther Philipp) reist Bobby nach Devils Town. Er ahnt nicht, dass der Winkeladvokat Doc Harper (Vladimir Medar) sich das Erbe unter den Nagel reißen will. Harper beauftragt einen Trupp Banditen, Bobby und Mucki noch vor ihrer Ankunft in der Stadt auszulöschen. Zugleich setzt er Sheriff Miller (Dragomir Felba) unter Druck, ein Dokument zu beglaubigen, das Harper für den Fall von Bobbys Tod die Mine überschreibt. Aber der Sheriff zögert noch. Seine Tochter Milly Miller (Olga Schoberová), die ebenso willensstark ist wie ihr Alter wankelmütig, beschwört ihn, sich nicht auf Harpers Machenschaften einzulassen.

Mehr durch Glück als durch Verstand überleben Bobby und Mucki den Anschlag der Banditen und treffen in Devils Town ein, wo sie im »Kaffeehaus« von Jezabel (Hanne Wieder) einkehren. Jezabel engagiert die zwei Wiener als Barkeeper und Klavierheini, da die vorherigen Inhaber dieser Positionen an der stark bleihaltigen Luft von Devils Town gestorben sind. Zeigen sich Bobby und Mucki zunächst noch leicht überfordert mit ihrer Akkulturation an den Wilden Westen, gelingt es ihnen mit Hilfe eines Koffers voller Scherzartikel bald, der Stadtbevölkerung weiszumachen, dass Bobby ein gefährlicher Revolvermann ist. Gemeinsam mit Milly findet Bobby schließlich heraus, warum Harper so scharf auf die Mine ist: Er betreibt darin eine lukrative Schnapsbrennerei.

Moment ... warum sollte Harper sich die Mühe machen, seine Schnapsbrennerei geheim zu halten, wenn er doch einfach in einer Hütte in der Stadt billigen Fusel brennen und verkaufen könnte? Die Antwort ist: Im Drehbuch dieses Films ging man offenbar davon aus, dass die Prohibitionszeit bereits 50 Jahre früher begann, als es tatsächlich der Fall war. Somit spielt der Streifen in einem Westen, in dem die Herstellung von Schnaps verboten war. Das ist skurril, aber letztlich auch nicht merkwürdiger als viele andere Behauptungen, die in Euro-Produktionen über die Wildwestgeschichte aufgestellt wurden.

Der Schrecken des Wilden Westens ist der dritte Graf-Bobby-Film mit Peter Alexander¹ und das zweite Mal, dass es einen österreichischen Schlagersänger in die Gefilde westlich von St. Louis verschlug, denn zuvor knödelte sich schon Freddy Quinn durch die Prärie.² Im Vergleich zu diesem hat Peter Alexander den nicht unerheblichen Vorteil, dass er schauspielern kann. Was die Gesangseinlagen angeht, sind sie im einen wie im anderen Fall Geschmackssache – womit ich sagen will: Mein Geschmack sind sie nicht, aber was soll’s.

Bedauerlicher finde ich, dass der Streifen den Western als Genre (nicht als Historie, das ohnehin nicht) zu wenig ernst nimmt. Klar, solche Kapriolen wie die, dass Graf Bobby sich mittels Scherzartikeln einen Ruf als gunfighter erwirbt, sind in einem Film wie diesem ein Stück weit unumgänglich. Aber man hätte aus Gründen der Wertschätzung doch wenigstens ein oder zwei ernsthaftere Genre-Zitate hineinmontieren können. Gelegenheit dazu hätte es gegeben: Olly Schoberová sieht in Männerkleidung und mit Kippe im Mundwinkel ziemlich cool aus. Wenn man ihr schon so ein lässiges Kostüm verpasst, warum ihr nicht, statt sie ausschließlich als love interest zu verwenden, eine Handvoll Szenen gönnen, in denen sie sich (im Kontrast zu den gräflichen Tricksereien) als echte Revolverheldin erweist?

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¹ Der erste ist Die Abenteuer des Grafen Bobby (1961), der zweite Das süße Leben des Grafen Bobby (1962), beide unter der Regie Géza von Cziffras entstanden. Falls es jemand wissen muss.

² Sobey Martin, der Regisseur von Freddy und das Lied der Prärie (1964), ist nicht verwandt mit Paul Martin, der bei diesem Film Regie führte. Sobey Martin war (sagen die einen) ein TV-Regisseur aus den USA, der wenig Erfahrung mit Kinofilmen hatte, oder aber ein Pseudonym des italienischen Schauspielers und Regisseurs Carlo Croccolo (sagen die anderen). Der Österreicher Paul Martin hatte dagegen schon seit Beginn der dreißiger Jahre Erfolg mit Revuefilmen und mit Die Goldsucher von Arkansas (1964) bereits einen Western vorgelegt.