26. Juni 2026

Revenge of the Virgins (1959)

Regie: Peter Perry Jr. · Drehbuch: Ed Wood · Musik: Guenther Kauer · Kamera: Gene Gropper, Vilis Lapenieks · Produktion: Radio Voice of America.

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Melvin Potter (Charles Veltmann Jr.) ist ein Greenhorn und frisch verheiratet. Seine Frau Ruby (Jodean Lawrence) plant, einen Saloon zu kaufen, denn das würde sie in dem Wildweststädtchen, in dem die Potters soeben eingetroffen sind, zur »queen of the beehive« machen. Melvin gefällt dieser Plan ganz und gar nicht. Da passt es ihm recht gut, auf den trinkfesten Goldsucher Pan Taggart (Stanton Pritchard) zu treffen, denn der erzählt ihm eine Geschichte, die, so ist Melvin überzeugt, auch Ruby gefallen wird: In einem Flusstal namens Gold Creek gebe es ein üppiges Goldvorkommen, das Taggart einst entdeckt habe. Da Taggart das Placer, das in einer gefährlichen Gegend liegt, allein nicht ausbeuten konnte, bietet er den Potters an, sie für tausend Dollar (und reichlich Whiskey) nach Gold Creek zu führen. Trotz Rubys Skepsis geht Melvin begeistert darauf ein. Zum Schutz der Expedition engagiert er die halbseidenen Revolvermänner Wade Condon (Ralph Cookson) und Mike Horton (Louis Massad).

Besonders harmonisch geht es in dem illustren Trüppchen nicht zu. Condon und Horton planen, die Potters zu ermorden, um das Gold selber einsacken zu können. Als sie schon Anstalten machen, ihr sinistres Vorhaben in die Tat umzusetzen, tauchen wie aus dem Nichts plötzlich zwei Kavalleristen (Del Monroe und Hugo Stanger) auf. Die beiden behaupten, verirrte Kundschafter aus Fort Apache zu sein. Da Fort Apache aber viel zu weit entfernt liegt, ist klar, dass sie desertiert sind. Taggart verdächtigt Condon und Horton, die soldier boys zu kennen und das scheinbar zufällige Treffen arrangiert zu haben, um gegenüber Taggart und den Potters in der Überzahl zu sein. Die Deserteure wiederum hören, wie Taggart im Schlaf von Gold redet. Sie beschließen, sich von der Gruppe zu trennen und ihr heimlich zu folgen, um sie im passenden Augenblick ausrauben zu können.

Auch Ruby Potter scheint ihre eigenen Pläne zu haben. Gegenüber Condon erklärt sie, auf der Seite desjenigen zu sein, der ihr am meisten bietet. Der einzige, der von all den Komplotten nichts ahnt und naiv von seinem und Rubys künftigem Reichtum träumt, ist Melvin.

Eigentlich hat das illustre Trüppchen auch ein ganz anderes Problem. Gold Creek wird nämlich von sieben indigenen Kriegerinnen bewacht, deren Anführerin Yellow Gold (Nona Carver) eine als Baby entführte Weiße ist. Und die Mädels haben eine tiefsitzende Abneigung gegen Prospektor*innen, die in ihrem Land herumschleichen. So kommt es, dass die Mitglieder der verkrachten Expedition, schön eins nach dem anderen, mit wohlgezielten Pfeilschüssen aus dem Hinterhalt erlegt werden.

Das Drehbuch von Revenge of the Virgins hat kein anderer als Ed Wood verfasst, der hier unter dem Künstlernamen Pete La Roche in Erscheinung tritt. Zum Unikat wird der Flick dadurch, dass es sich um einen im Western-Gewand daherkommenden nudie cutie handelt. So wurden in den Fünfzigern und frühen Sechzigern Filme genannt, die (unter einem mal mehr, mal weniger überzeugenden Vorwand) nackte Frauenbrüste zeigten. Zur Zeit des in Hollywood herrschenden Hays Code waren nudie cuties, die in der Regel keine Sexszenen enthalten, eine der wenigen Möglichkeiten, weibliche Nacktheit im Film darzustellen.¹

In Revenge of the Virgins lautet die Erklärung fürs Nackigsein, dass es in Kalifornien indigene Gesellschaften gegeben habe, die auf steinzeitlichem Kulturniveau lebten.² So erklärt es ein von Kenne Duncan gesprochener Prolog, der sich anhört, als stammten seine Informationen aus einem schlecht gealterten Konversationslexikon. Der Verweis auf die Steinzeit genügt offenbar, um die Hüterinnen von Gold Creek barbusig herumlaufen zu lassen. Wenn Yellow Gold und ihre Mädels nicht gerade mit der Jagd auf goldgierige Weiße beschäftigt sind, wird das so ins Bild gesetzt, dass sie täppisch choreografierte Kreistänze aufführen.

Andererseits: Dafür, dass der alleinige Zweck dieses Films ist, nackte Brüste zu zweigen, weist er erstaunlich viel Handlung auf. Die Streitereien und Intrigen innerhalb der Gruppe der Goldsucher*innen sind mit einer gewissen Glaubwürdigkeit dargestellt und könnten ganz ähnlich auch in einem ›normalen‹ Western der fünfziger Jahre vorkommen. Dass zwischen diesen vertrauten Szenen immer wieder halbnackte Bogenschützinnen auftauchen, hat deshalb fast schon etwas von surrealistischer Montage.

Was die handwerkliche Seite angeht, bietet Revenge of the Virgins genau das, was Freund*innen von Ed Woods Kino Vergnügen bereitet: Die Aufnahmen mit den Kriegerinnen entstanden getrennt vom restlichen Filmmaterial, ohne dass auf die Kontinuität geachtet wurde. Wo immer die Kriegerinnen und Mitglieder der Gold-Expedition gemeinsam im Bild zu sehen sind, werden letztere leicht erkennbar von Doubles dargestellt.³ Nachtszenen wurden im Studio inszeniert, und zwar so, dass durch ungeschickte Beleuchtung die Schatten der Darsteller*innen auf den Leinwandhintergründen zu sehen sind. Der für Geräuscheffekte zuständige Techniker wiederum scheint dem Whiskey ähnlich gern wie Pan Taggart zugesprochen zu haben, denn in einer Szene ist statt dem Knacken eines trockenen Zweigs klirrendes Glas zu hören. Und das alles bekommt man, obwohl Meister Wood nicht mal selber auf dem Regiestuhl saß.

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¹ Die andere Möglichkeit, mit der die Optionen auch weitgehend erschöpft waren, stellten pseudokumentarische Filme über Nudist*innen dar, die zur Zeit von Revenge of the Virgins sehr beliebt waren.

² Wenn das bedeutet, dass der Film in Kalifornien spielt, dann ist Fort Apache allerdings weit weg.

³ Für die Außenaufnahmen wurde die berühmt-berüchtigte Spahn Ranch verwendet, die später der Manson Family als Hauptquartier diente.

14. Juni 2026

Tre pistole contro Cesare (1967)

Deutscher Titel: Drei Pistolen gegen Cesare · Regie: Enzo Peri · Drehbuch: Enzo Peri, Piero Regnoli · Musik: Marcello Giombini · Kamera: Otello Martelli · Schnitt: Adriana Novelli · Produktion: Casbah Film, Dino De Laurentiis Cinematografica.

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Whittaker »Whitty« Selby (Thomas Hunter) erfährt, dass er von seinem verstorbenen Vater eine Goldmine in Laredo geerbt hat. Dem Testament liegt das Foto eines Mädchens bei, das Whittys Halbschwester Mady (Delia Boccardo) zeigt, die er noch nie gesehen hat. In Laredo erfährt Whitty noch mehr über seine Familienverhältnisse: Er hat zwei weitere Halbbrüder, die die gleiche Nachricht wie er bekommen haben. Der eine ist Étienne Devereaux (Nadir Moretti), Sohn einer französischen Mutter. Der andere ist Lester Koto (James Shigeta), Sohn einer japanischen Mutter. Mady, die Schwester, ist in einem Saloon in Laredo als Sängerin tätig, wird von den Brüdern aber zunächst nicht erkannt.

Angekommen bei der Goldmine, erwartet die Brüder gleich die nächste Überraschung. Sie treffen dort auf Stanford (Vittorio Bonos), einen schrulligen Minenarbeiter ihres Vaters. Stanford erzählt den Brüdern, dass in der Mine nie Gold gefunden worden sei. Außerdem eröffnet er ihnen, dass ein in der Nähe residierender Großgrundbesitzer, Julius Caesar Fuller (Enrico Maria Salerno), hinter dem Land her ist, auf dem sich die Mine befindet.

Julius Caesar Fuller ist die eigentliche Attraktion des Films. Er residiert in einem Herrenhaus mit Säulenvorbau, das auf einem Felsplateau steht. Zum Haus hinauf führt ein mechanischer Fahrstuhl. Fuller kleidet sich gern in einen Purpurmantel und lässt sich in seinem Dampfbad von einer Schar spärlich bekleideter Sklavinnen bedienen. Zu seinem Schutz unterhält er eine Prätorianergarde, die aus schwarz uniformierten Revolvermännern besteht. Kurz gesagt, der alte Julius macht seinem Namen alle Ehre.

Whitty, Étienne und Lester sind zunächst entschlossen, es mit Fuller aufzunehmen, wertlose Mine hin oder her. Dazu sind sie auch bestens geeignet: Whitty ist ein tödlicher Schütze, ausgestattet mit einer vierläufigen Pistole und zwei Revolvern, die einen zusätzlichen Lauf im Griff haben. Étienne verfügt über hypnotische Fähigkeiten. Wer auf ihn schießen will, erstarrt unter seinem magnetischen Blick. Und Lester ist ein gefürchteter Karateka. Fuller allerdings hat noch ganz andere Tricks auf Lager.

Der Imperator schickt seine Komplizin Debra Smith (Gianna Serra) zu den Brüdern. Sie gibt sich als deren Halbschwester Mady aus und lädt sie zu einem Topf Gulasch auf ihre Farm ein. Um ein Haar schafft Debra es, Étienne und Lester zu überreden, den Kampf sein zu lassen und gemeinsam mit ihr aus Laredo fortzugehen. Whitty, den das Gulasch offenbar weniger beeindruckt hat, verlässt erzürnt Debras Haus und wird von Fullers Prätorianern gefangen genommen. Da trifft die echte Mady auf der Farm ein, verprügelt Debra und erinnert Étienne und Lester daran, was sie ihrem Halbbruder und ihrer Halbschwester schuldig sind.

Étienne und Lester versehen sich mit ein paar Stangen Dynamit aus der väterlichen Mine und reiten zu Fullers Anwesen. Unterstützt werden sie von dem alten Stanford, der mit einer Arkebuse mit Luntenschloss bewaffnet ist. Zu Whittys Rettung bleibt ihnen wenig Zeit, denn Fuller ist gerade dabei, ihn halbnackt auf offener Flamme rösten zu lassen. Aber natürlich gelingt die Befreiung und liefert Whitty zudem einen Vorwand, für den Rest des Films seinen durchtrainierten Oberkörper zu präsentieren. Die Brüder gehen zum offenen Angriff auf Fuller und seine Prätorianer über ...

Wie sich schon an der Handlung erkennen lässt, ist Tre pistole contro Cesare Quatsch mit Soße. Aber es ist überwiegend unterhaltsamer Quatsch. Wie oft bei solchen Filmen ist das Problem, dass die Soße stellenweise zu dick aufgetragen wurde. Aber zunächst zu den unbestreitbaren Vorzügen des Streifens. Der Antagonist, der sich für Cäsar hält, ist eine gute Idee, die auch recht einfallsreich umgesetzt wird. Spätere Italo-Westernkomödien, wie sie im Zuge der Trinity-Welle entstanden, hätten wahrscheinlich der Versuchung nicht widerstanden, eine Figur wie Fuller als nebensächlichen Gag einzusetzen und sich ansonsten auf Klamauk und überlange Kloppereien zu konzentrieren. Hier wird die Idee tatsächlich durchgezogen und von Enrico Maria Salerno angemessen theatralisch dargestellt. Auch Umberto D’Orsi als Fullers rechte Hand Bronson spielt seine Rolle mit Gusto.

Ich nehme an, der restliche Cast erhielt ebenfalls die Anweisung »to play it straight«, macht aber in vielen Szenen eher verblüffte Gesichter. Ich kann es den Darsteller*innen nicht übelnehmen. Sie werden sich mehr als einmal gefragt haben, in was für einem Streifen sie da eigentlich gelandet sind. Zumal die Dreharbeiten, einzigartig für einen Western, in Bou Saâda in Algerien stattfanden. Aber gerade der ungewöhnliche Drehort (mal ’ne Abwechslung zu Almería, Abruzzo und Kroatien) trägt dazu bei, den Film interessant zu machen.

Gelegentlich treibt Tre pistole contro Cesare es etwas zu weit. Eine Gesangseinlage und eine von Femi Benussi, die Fullers Sklavin Tula spielt, aufgeführte Bauchtanznummer lassen vermuten, dass zusätzlich zu allem anderen auch noch die Nähe von Musikwestern wie Little Rita nel West (1967) und Lola Colt (1967) gesucht wurde. Meines Erachtens hätte der Film besser daran getan, sich auf seine skurrilen Figuren und die ungewöhnliche Location zu beschränken, die für sich schon amüsant genug sind. Im Gesamteindruck ist Tre pistole contro Cesare aber eine durchaus gelungene Western-Groteske.

7. Juni 2026

Scream (1981)

Alternativtitel: The Outing · Regie: Byron Quisenberry · Drehbuch: Byron Quisenberry · Musik: Joseph Conlan · Kamera: Richard Pepin · Schnitt: B. W.  Kestenberg · Produktion: Cal-Com Releasing.

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Vor Scream (1996) war Scream, eine Mischung aus Western und Slasherfilm, die auch unter dem Titel The Outing erschien. Inhaltlich hätte The Outing besser gepasst, aber genretypisch wurde der Flick vor allem als Videoveröffentlichung bekannt, und auf VHS lief er nun mal unter dem Namen Scream, komplett mit Comic-Sans-artigem Schriftzug in der Titelsequenz.

Eine Reisegruppe, begleitet von den Guides Stan (Ethan Wayne) und Rudy (Joseph Alvarado), ist mit Schlauchbooten auf dem Rio Grande unterwegs. Auf dem Programm steht auch eine Übernachtung in einer Geisterstadt, die einen kurzen, aber steilen Fußmarsch vom Ufer entfernt liegt. In der Stadt, nach Einbruch der Dunkelheit, kommen allerdings drei der Touristen auf grausige Weise ums Leben: Zunächst wird Allen (Alvy Moore) erhängt aufgefunden. Dann werden Ross (Gregg Palmer) und John (Hank Worden) mit einem Metzgerbeil ermordet. Die Überlebenden finden sich im Saloon zusammen, wo die üblichen gegenseitigen Verdächtigungen und Anschuldigungen nicht ausbleiben.

Beim ersten Tageslicht eilt die Gruppe zurück ans Ufer, doch die Schlauchboote sind verschwunden. Auf dem Landweg ist die nächste menschliche Ansiedlung, eine Ranch, 30 Meilen entfernt. Als die verzagten Touris wieder in der Geisterstadt eintreffen, tut sich unverhofft eine Möglichkeit zur Rettung auf: Rod (Bobby Diamond) und Jerry (John Nowak), zwei verirrte Motorrad-Ausflügler, hat es ebenfalls in die Stadt verschlagen. Rod erklärt sich bereit, dem Guide Stan sein Motorrad zu überlassen, damit dieser mit Jerry zu der Ranch fahren und Hilfe holen kann.

Gesagt, getan. Aber bei Einbruch der Dämmerung sind Stan und Jerry noch immer nicht zurück; geschweige denn, dass Hilfe eingetroffen ist. In der Nacht geht das fröhliche Morden weiter: Rod ist das nächste Opfer. Um Punkt Mitternacht reitet plötzlich ein Fremder (Woody Strode) in die Stadt. Auf einem Packpferd führt er Jerrys Leiche mit sich. Auf die ängstlichen Fragen der Gruppe, was aus Stan geworden ist, antwortet der Fremde nicht, sondern erzählt nur eine mysteriöse Geschichte über einen Schiffskapitän, mit dem er einst um Kap Hoorn gefahren sei. Dann verschwindet er wieder.

Nach einer Weile kehrt Stan zurück, zu Fuß und scheinbar verletzt. Andy (Bob Macgonigal) rennt allein los, um den Erste-Hilfe-Kasten zu holen, und wird mit einer Axt enthauptet. Kurz darauf wird Bob (Pepper Martin) von einer Sense durchbohrt. Sodann wird Lou (Joe Allaine) von einer unsichtbaren Entität aus dem Saloon nach draußen gezerrt und ist drauf und dran, ebenfalls der Sense zum Opfer zu fallen, als plötzlich Schüsse fallen. Der Fremde ist zurückgekehrt. Kann er den gespenstischen Mörder aufhalten?

Die einfachste Art, einen Horror-Western zu machen, besteht darin, dass man Leute aus der Gegenwart in eine Geisterstadt stolpern lässt, in der sich dann der Wilde Westen auf unheimliche Art als lebendig erweist. Dieses Setting hat den Vorteil, dass man für die Dreharbeiten lediglich für zwei Wochen lang eine Filmranch mieten muss, und wenn die Kulissen schon leicht verfallen aussehen – um so besser. Im Fall von Scream wurden aus den zwei Wochen elf Tage, dann ging das Geld aus. Aber immerhin hatte man mit Hank Worden und Woody Strode zwei in Ehren ergraute Western-Veteranen engagiert. Und das Geisterstadt-Setting ist wenigstens etwas anderes als der übliche maskierte Heini, der im College oder in Suburbia herumschleicht. Wenn das Scream-Team nur mit Cast und Setting wirklich etwas hätte anfangen können. So aber ...

Scream erschien während des Goldenen Zeitalters des Slasher-Genres und gilt weithin als einer der schlechtesten Filme jener Ära. Das ist auch nicht schwer zu verstehen. Seine Story ergibt nicht sonderlich viel Sinn. Vor allem fehlt ihr das Dénouement. Eigentlich ist es unverzichtbarer Bestandteil jedes Slasherfilms, dass man am Ende weiß, woher der Killer kommt, wer er ist und warum er seinen Opfern an den Wickel will. Nicht so in Scream. Da steht man am Ende nur geringfügig schlauer da als zu Beginn.

Klar wird im Laufe des Films, dass der Killer kein Mensch ist, sondern ein unsichtbares Wesen. Aus den Worten von Woody Strodes Charakter lässt sich schließen, dass es sich um den rachsüchtigen Geist des von ihm erwähnten Seekapitäns handelt. Aber wie der in das Städtchen am Rio Grande gelangt ist, warum er nicht friedlich in seinem Grab liegt und vor allem: warum er Tourist*innen nicht leiden kann, das alles bleibt völlig im Dunkeln. Und Woody? Den soll man sich wohl als des Käpt’ns ebenfalls untoten Maat vorstellen. Aber warum man ihn sehen kann und den Kapitän nicht, warum jener diesen aufhalten will und so weiter – ich habe keine Ahnung. Und ich werde den Eindruck nicht los, dass es Byron Quisenberry, dem Macher dieses Films, nicht anders ging.

Quisenberry, zuvor ausschließlich als Stuntman bekannt, war bei Scream zum ersten Mal als Regisseur tätig. Auch das Script stammt von ihm, lag zu Beginn der Dreharbeiten aber noch gar nicht fertig vor. Wie bereits erwähnt, fehlte es der Produktion außerdem an Geld. Nennenswerte Gore-Effekte gibt es in Scream daher nicht zu sehen. Letztlich mangelte es bei Scream an allem: nicht nur an Regieerfahrung und einer tragfähigen Story, sondern auch an shock value von der Art, die zumindest die Horror-Fans etwas versöhnlicher gestimmt hätte. So aber taugt der Film weder als Western noch als Slasher.

Von daher muss man sich Scream wirklich nicht ansehen. Dennoch gilt es im Auge zu behalten: Es gibt zwei Arten von schlechten Filmen. Zum einen die, die gemäß einem »Mit denen kann man’s ja machen«-Kalkül auf die vermeintliche Anspruchslosigkeit des Publikums abzielt, ein Billigprodukt nach dem anderen hervorbringt und irgendwann zu einem Übersättigungseffekt führt. Es gibt aber auch schlechte Filme, bei denen es aus irgendwelchen Gründen (mangelnde Erfahrung, mangelndes Budget, oder schlicht Pech) nicht geklappt hat, obwohl unleugbar eine gewisse Leidenschaft fürs Kino zu spüren ist. Mein Gefühl sagt mir, dass Scream zu der zweiten Sorte gehört. Da wollte wirklich wer einen Film machen – der am Ende leider völlig misslungen ist. Aber es war wenigstens ein ehrliches Scheitern.

9. Mai 2026

The Glenrowan Affair (1951)

Regie: Rupert Kathner · Drehbuch: Rupert Kathner · Kamera: Rupert Kathner, Harry Malcolm · Schnitt: Alex Ezard · Produktion: Australian Action Pictures.

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Ende der vierziger Jahre plante Benalla Film Productions, eine eigens gegründete Firma, einen neuen Flick über den legendären Bushranger Ned Kelly. Er sollte A Message to Kelly heißen und unter der Regie von Harry Southwell entstehen. Für Southwell war es kein neues Thema. Er hatte bereits drei Filme über die Kelly-Bande gedreht (1920, 1923 und 1934), ohne damit allzu erfolgreich gewesen zu sein. Für den vierten Anlauf castete er den Football-Spieler Bob Chitty als Hauptdarsteller. Chitty qualifizierte sich zwar sicher nicht durch sein schauspielerisches Talent für diese Rolle, aber er war immerhin ein local boy aus Victoria. Als Regieassistent wurde Rupert Kathner engagiert. Das wurde dem Film zum Verhängnis, denn wo immer Kathner, der australische Ed Wood, seine Finger im Spiel hatte, folgte unweigerlich ein Debakel.

Nach wenigen Monaten verließ Southwell das Projekt. Kathner rückte auf den Regiestuhl nach, wurde aber kurz darauf von den Finanziers hinter Benalla Film, die ihr Glück lieber mit jemand anderem versuchen wollten, gefeuert. Doch die Geldgeber hatten nicht mit der Rache des Rupert Kathner gerechnet. Kaum entlassen, tauchte er mit einer neuen, eigenen Produktionsgesellschaft wieder auf. Australian Action Pictures verfügte über ein Kapital von 25.000 Pfund (behauptete Kathner jedenfalls¹) und würde einen eigenen Kelly-Flick in die Kinos bringen – natürlich mit Kathner als Regisseur. Und während A Message to Kelly mangels eines besser geeigneten Regie-Nachfolgers gecancelt wurde, wechselte Hauptdarsteller Chitty zu der neuen Produktion, The Glenrowan Affair. Man kann also sagen, Kathner hatte Southwells Film erfolgreich gekapert (allerdings blieb das der einzige wirkliche Erfolg im Zusammenhang mit diesem Streifen).

Der Film wartet mit einer Rahmenhandlung auf: Kathner spielt sich selbst als Maler, der im Busch von Victoria auf der Suche nach Motiven ist.² Auf seinen Wanderungen trifft er einen Old Dinny genannten Greis (Arthur Helmsley), der die große Zeit der Kellys höchstpersönlich miterlebt hat und gegenüber dem Maler in Erinnerungen schwelgt.³

Die eigentliche Handlung besteht größtenteils aus slapstickhaften Episoden, in denen die Kelly-Bande einer kleinen Armee von dusseligen Polizisten wieder und wieder ein Schnippchen schlägt, bis es im Städtchen Glenrowan zum großen Showdown kommt und die Kellys der schieren Übermacht unterliegen. Zwischen diesen Episoden sind von bombastischer Musik begleitete Szenen eingefügt, die stets zeigen, wie die Banditen kreuz und quer durch den Busch reiten. Die Musikuntermalung und der komische Ernst dieser Szenen (bei denen der Regisseur selbst hinter der Kamera stand) verraten, dass Kathner wohl tatsächlich den Anspruch hatte, ein veritables Epos über seine Bushranger-Helden zu drehen. Vergeblich. Ein epischer Film benötigt epische Bilder, die dieser Streifen beim besten Willen nicht hat.

The Glenrowan Affair hatte in einem vollbesetzten Saal in Benalla Premiere. Schon nach wenigen Minuten brach das Publikum in spontanes Gelächter aus, das bis zum Ende des Films (und darüber hinaus) anhielt – ein zeitgenössischer Kritiker sprach von einem »riot of laughter«.⁴ Während der Vorführung wurden Spenden zur Unterstützung der Opfer von Buschfeuern gesammelt. Es kamen immerhin 400 Pfund zusammen. So gesehen hat Kathners Film dann doch etwas erreicht. Und einen vollen Kinosaal zum Lachen zu bringen? Das ist mehr, als mancher heutige Blockbuster zustande bringt.

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¹ Wäre ich so notorisch verschuldet wie Kathner, wäre ich mit solchen Verlautbarungen bezüglich meiner Finanzen ja eher vorsichtig ...

² Tatsächlich hatte Kathner in Adelaide Malerei studiert, bevor er sich seinen Weg ins Filmgeschäft erschwindelte.

³ Die Implikation ist, dass Old Dinny kein anderer als Neds Bruder Dan Kelly ist, der (anders als sein historischer Konterpart) die Schießerei in Glenrowan überlebt hat. Als junger Mann wird Dan im Film von Ben Crowe dargestellt.

⁴ Eine Formulierung, die auf zuvor in der Presse geschürte Ängste anspielt, streitlustige Kelly-Fans könnten anlässlich der Premiere Randale machen.

20. April 2026

Strangers at Sunrise (1969)

Regie: Percival Rubens · Drehbuch: Lee Marcus, Percival Rubens · Musik: Colin Campbell · Kamera: Lionel Friedberg · Schnitt: Basil Millward · Produktion: Panorama Films.

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In Filmen wie Untamed (1955) und The Jackals (1967) drohte der Schauplatz Südafrika zu einem simulierten Amerika werden. Anstelle von Comanche und Kiowa gab es Zulu und Tsonga zu sehen, aber sonst blieb alles so, wie man es aus Hollywood kennt. Mit Strangers at Sunrise erschien 1969 schließlich ein in Südafrika gedrehter und produzierter Western mit einem südafrikanischen Regisseur. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund des Zweiten Burenkriegs (1899–1902), ist also deutlich in der südafrikanischen Geschichte situiert. Wie in Diamond City (1949) ist das Thema der Konflikt zwischen dem British Empire und den Bur*innen. Die Sympathie gehört hier jedoch ohne Einschränkung der burischen Kriegspartei – eine ideologische Positionierung, die der des älteren Films genau entgegengesetzt ist.

Während Diamond City den burischen Händler Hans Muller als Unruhestifter darstellt (wer Schnaps an Natives verkauft, ist im Western immer böse), zeichnet Strangers at Sunrise das Bild eines friedliebenden Landvolks, das von der imperialistischen britischen Kriegsmaschine überrollt wird. Dabei liegt der Film mit der Behauptung nicht falsch, dass die Gold- und Diamantenfunde in Südafrika auf britischer Seite Begehrlichkeiten weckten, die schließlich zur gewaltsamen Annektion der Burenrepubliken durch das Empire führten.¹ Richtig ist auch, dass die britische Kriegsführung mit ihrer Taktik der verbrannten Erde und ihren Konzentrationslagern für die burische Zivilbevölkerung äußerst brutal war.

Jedoch mangelte es auch der anderen Seite nicht an Brutalität. Burische Kommandos begingen zahlreiche Massaker an Schwarzen und Coloureds, die als Hilfskräfte für die britischen Truppen arbeiteten (denen dies vielleicht aber auch nur unterstellt wurde). Überhaupt gehörte es zum Selbstverständnis der Burenrepubliken, dass allein der afrikaanssprachigen weißen Bevölkerung staatsbürgerlicher Status zukam. Andere Weiße galten als uitlanders, die lediglich geduldet wurden. Die schwarze und coloured Bevölkerung war in den Burenrepubliken völlig entrechtet und lebte quasi in Sklaverei. Letzteres wird von Strangers at Sunrise als selbstverständlich betrachtet. Als einzige schwarze Person kommt eine Oubooi (»alter Junge«) genannte Nebenfigur vor, ein von Simon Sabela gespielter Farmarbeiter. Kurzum: Man merkt, dass der Streifen aus der tiefsten Apartheid stammt.²

Auch der Protagonist von Strangers at Sunrise ist ein uitlander, allerdings einer, der mit der burischen Sache sympathisiert: Grant Merrick (George Montgomery) ist ein amerikanischer Ingenieur, der in den Goldminen Südafrikas arbeitet. Weil er einem burischen Saboteur, Davie Beyers, aus Freundschaft Zuflucht gewährt hat, werden beide von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Aber während Davie tatsächlich hingerichtet wird, kann Merrick fliehen.

Auf der Farm der Familie Beyers findet er Zuflucht.³ Dort lebt Patriarch Paul Beyers (Tromp Terre’Blanche) mit seiner Mutter (Helen Braithwaite), seiner Frau Beth (Beryl Gresak) und Sohn Paulie (Avron Pearson), dem jüngeren Bruder des exekutierten Davie. Bald findet sich auch Davies Frau Julie Beyers (Deana Martin) ein. Merrick macht sich auf der Farm nützlich, indem er sich als Hufschmied und horse wrangler betätigt. Prompt verguckt sich die frisch verwitwete Julie in ihn. Man sollte meinen, dass letzteres in einem burischen, also streng calvinistischen Haushalt für Konflikte sorgen würde, aber nein: Der Konflikt bricht von außen herein, und zwar in Gestalt dreier britischer Soldaten (Brian O’Shaughnessy, George Peters und Roland Robinson). Die sind desertiert, nachdem ihrer Einheit eine blutige Niederlage zugefügt wurde, und zwingen nun die Familie Beyers dazu, sie vor britischen Patrouillen zu verstecken.

Die Briten stellen sich als degenerierte Säufer und Mörder heraus, und je mehr sie die Branntweinvorräte der Farm dezimieren, desto mehr spitzt sich die Lage zu. Aber sie haben nicht mit Grant Merrick gerechnet, der im Laufe des Films vom »man on the run« zum Cowboy mit Beefcake-Faktor (auf der Farm läuft er gern mit entblößtem Oberkörper herum) mutiert, und als solcher natürlich den drei Deserteuren im Showdown gegenübertritt. Damit konterkariert der Film allerdings seine eigene Ideologie: Er stellt die burischen Charaktere als so hilflos dar, dass sie es ohne amerikanische Unterstützung nicht mal mit drei schnapsbenebelten Tommies aufnehmen können.

Merricks Rolle als amerikanischer Verbündeter erklärt sich weniger aus dem historischen Misstrauen der Burenrepubliken gegen uitlanders als aus der Situation Südafrikas im Kalten Krieg. In den fünfziger Jahren sah Washington das Apartheid-Regime als Verbündeten im Kampf gegen den Kommunismus. Zur Entstehungszeit des Films waren die vormals engen Beziehungen allerdings etwas abgekühlt, da die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung auch im State Department nicht mehr vollständig ignoriert werden konnten. 1963 schlossen die USA sich dem von den UN verhängten Waffenembargo gegen Südafrika an. So drückt sich in der Wahl eines amerikanischen Helden für Strangers at Sunrise wohl auch der Wunsch des weißen Südafrikas aus, der nicht mehr ganz so zuverlässige transatlantische Verbündete möge wieder der Alte werden.

Ausgesprochen skurril ist die Rolle Deana Martins. Ich muss zugeben, dass ich nicht verstanden habe, ob sie eine Südafrikanerin oder ebenfalls eine eingewanderte Amerikanerin darstellen soll. Eine Szene des Films deutet auf letzteres hin: Julie singt »O! Susanna« und begleitet sich dabei auf dem Harmonium – man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Eine Nacktszene mit Martin wurde von der (im Apartheid-Staat sehr einflussreichen) reformierten Kirche beanstandet und musste geschnitten werden. So blieb es George Montgomerys Privileg, auf der Beyers-Farm oben ohne herumzulaufen.

Letztlich ist Strangers at Sunrise nicht nur ideologisch fragwürdig, sondern auch als Genrefilm, dessen Western-Elemente zu seiner burisch-nationalistischen Botschaft nicht wirklich passen wollen. Meines Wissens handelt es sich um den bislang letzten Versuch eines südafrikanischen Western aus weißer Perspektive. Man ist versucht zu sagen: Hoffentlich bleibt er das auch.

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¹ Nicht zu vergessen Cecil Rhodes’ Fieberträume von einem britischen Afrikareich, das vom Kap bis nach Kairo reichen sollte. Da waren die Burenrepubliken schlicht im Weg.

² 1969 war John Vorster Premierminister von Südafrika. Seine politische Laufbahn hatte im paramilitärischen Flügel der mit Nazi-Deutschland sympathisierenden Organisation Ossewabrandwag begonnen. Für Vorster war der burische Nationalismus nichts anderes als die südafrikanische Variante des Nationalsozialismus. In seine Amtszeit fiel die brutale Niederschlagung des Aufstands in Soweto (1976), bei der weiße Polizisten hunderte von schwarzen Schulkindern erschossen. Das Leben unter dem Apartheid-Regime war, wie er sagte, ein Leben im »glücklichsten Polizeistaat der Welt«.

³ Allerdings: Wenn Merrick wegen der Unterstützung von Davie Beyers verurteilt wurde, würde man dann nicht auf der Farm, die dessen Eltern gehört, zuerst nach ihm suchen? Nun ja. Der Film will halt unbedingt eine Western-Geschichte des Typs »Fremder verteidigt eine Farm, auf der er eigentlich nur zu Gast ist« erzählen.