Regie: Percival Rubens · Drehbuch: Lee Marcus, Percival Rubens · Musik: Colin Campbell · Kamera: Lionel Friedberg · Schnitt: Basil Millward · Produktion: Panorama Films.
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In Filmen wie Untamed (1955) und The Jackals (1967) drohte der Schauplatz Südafrika zu einem simulierten Amerika werden. Anstelle von Comanche und Kiowa gab es Zulu und Tsonga zu sehen, aber sonst blieb alles wie man es aus Hollywood kennt. Mit Strangers at Sunrise erschien 1969 schließlich ein in Südafrika gedrehter und produzierter Western mit einem südafrikanischen Regisseur. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund des Zweiten Burenkriegs (1899–1902), ist also deutlich in der südafrikanischen Geschichte situiert. Wie in Diamond City (1949) ist das Thema der Konflikt zwischen dem British Empire und den Bur*innen. Die Sympathie gehört hier jedoch ohne Einschränkung der burischen Kriegspartei – eine ideologische Positionierung, die der des älteren Films genau entgegengesetzt ist.
Während Diamond City den burischen Händler Hans Muller als Unruhestifter darstellt (wer Schnaps an Natives verkauft, ist im Western immer böse), zeichnet Strangers at Sunrise das Bild eines friedliebenden Landvolks, das von der imperialistischen britischen Kriegsmaschine überrollt wird. Dabei liegt der Film mit der Behauptung nicht falsch, dass die Gold- und Diamantenfunde in Südafrika auf britischer Seite Begehrlichkeiten weckten, die schließlich zur gewaltsamen Annektion der Burenrepubliken durch das Empire führten.¹ Richtig ist auch, dass die britische Kriegsführung mit ihrer Taktik der verbrannten Erde und ihren Konzentrationslagern für die burische Zivilbevölkerung äußerst brutal war.
Jedoch mangelte es auch der anderen Seite nicht an Brutalität. Burische Kommandos begingen zahlreiche Massaker an Schwarzen und Coloureds, die als Hilfskräfte für die britischen Truppen arbeiteten (denen dies vielleicht aber auch nur unterstellt wurde). Überhaupt gehörte es zum Selbstverständnis der Burenrepubliken, dass allein der afrikaanssprachigen weißen Bevölkerung staatsbürgerlicher Status zukam. Andere Weiße galten als uitlanders, die lediglich geduldet wurden. Die indigene Bevölkerung war in den Burenrepubliken völlig entrechtet und lebte quasi in Sklaverei. Letzteres wird von Strangers at Sunrise als selbstverständlich betrachtet. Als einzige schwarze Person kommt eine Oubooi (»alter Junge«) genannte Nebenfigur vor, ein von Simon Sabela gespielter Farmarbeiter. Man merkt, dass der Streifen aus der tiefsten Apartheid stammt.²
Auch der Protagonist von Strangers at Sunrise ist ein uitlander, allerdings einer, der mit der burischen Sache sympathisiert: Grant Merrick (George Montgomery) ist ein amerikanischer Ingenieur, der in den Goldminen Südafrikas arbeitet. Weil er einem burischen Saboteur, Davie Beyers, aus Freundschaft Zuflucht gewährt hat, werden beide von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Während Davie tatsächlich hingerichtet wird, kann Merrick fliehen.
Auf der Farm der Familie Beyers findet er Zuflucht.³ Dort lebt Patriarch Paul Beyers (Tromp Terre’Blanche) mit seiner Mutter (Helen Braithwaite), seiner Frau Beth (Beryl Gresak) und Sohn Paulie (Avron Pearson), dem jüngeren Bruder des exekutierten Davie. Bald findet sich auch Davies Frau Julie Beyers (Deana Martin) ein. Merrick macht sich auf der Farm nützlich, indem er sich als Hufschmied und horse wrangler betätigt. Prompt verguckt sich die frisch verwitwete Julie in ihn. Man sollte meinen, dass letzteres in einem streng calvinistischen Haushalt für Konflikte sorgen würde, aber nein: Der Konflikt bricht von außen herein, und zwar in Gestalt dreier britischer Soldaten (Brian O’Shaughnessy, George Peters und Roland Robinson). Die sind desertiert, nachdem ihrer Einheit eine blutige Niederlage zugefügt wurde, und zwingen nun die Familie Beyers dazu, sie vor britischen Patrouillen zu verstecken.
Die Briten stellen sich als degenerierte Säufer und Mörder heraus, und je mehr sie die Branntweinvorräte der Farm dezimieren, desto mehr spitzt sich die Lage zu. Aber sie haben nicht mit Grant Merrick gerechnet, der im Laufe des Films vom »man on the run« zum Cowboy mit Beefcake-Faktor (auf der Farm läuft er gern mit nacktem Oberkörper herum) mutiert, und als solcher natürlich den drei Deserteuren im Showdown gegenübertritt. Damit konterkariert der Film allerdings seine eigene Ideologie: Er stellt die burischen Charaktere als so hilflos dar, dass sie es ohne amerikanische Unterstützung nicht mal mit drei schnapsbenebelten Tommies aufnehmen können.
Noch seltsamer ist die Rolle Deana Martins. Ich muss zugeben, dass ich nicht verstanden habe, ob sie eine Südafrikanerin oder ebenfalls eine eingewanderte Amerikanerin darstellen soll. Eine Szene des Films deutet auf letzteres hin: Julie singt »O! Susanna« und begleitet sich dabei auf dem Harmonium. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Eine Nacktszene mit Martin wurde von der (im Apartheid-Staat sehr einflussreichen) reformierten Kirche beanstandet und musste geschnitten werden. In der Folge wurde die Filmzensur verschärft.
So ist Strangers at Sunrise ein nicht nur ideologisch peinlicher Film, dessen Western-Elemente im Widerstreit mit seiner burisch-nationalistischen Botschaft stehen. Meines Wissens handelt es sich um den bislang letzten Versuch eines südafrikanischen Western aus weißer Perspektive. Man ist versucht zu sagen: Hoffentlich bleibt er auch der letzte.
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¹ Nicht zu vergessen Cecil Rhodes’ Fieberträume von einem britischen Afrikareich, das vom Kap bis nach Kairo reichen sollte. Da waren die Burenrepubliken schlicht im Weg.
² Zur Entstehungszeit des Films war John Vorster Premierminister von Südafrika. Seine politische Laufbahn hatte im paramilitärischen Flügel der mit Nazi-Deutschland sympathisierenden Organisation Ossewabrandwag begonnen. Für Vorster war der burische Nationalismus nichts anderes als die südafrikanische Variante des Nationalsozialismus. In seine Amtszeit (1966–78) fiel die brutale Niederschlagung des Aufstands in Soweto, bei der weiße Polizisten hunderte von schwarzen Schulkindern erschossen. Das Leben unter dem Apartheid-Regime, sagte er, sei ein Leben im »glücklichsten Polizeistaat der Welt«.
³ Allerdings: Wenn Merrick wegen der Unterstützung von Davie Beyers verurteilt wurde, würde man dann nicht auf der Farm, die dessen Eltern gehört, zuerst nach ihm suchen?